Massenbilanz
und Variabilität von Meer- und Inlandeis
Eis spielt im Klimageschehen eine wesentliche Rolle, da es die
Energiebilanz und damit die atmosphärische sowie ozeanische
Zirkulation und die Meeresspiegelhöhe beeinflusst. Von den
Komponenten der Kryosphäre sollen die wichtigsten, nämlich
das Meereis und die Eisschilde Grönlands und der Antarktis
behandelt werden.
Meereis
Für die Meereisausdehnung und den Bedeckungsgrad (Konzentration)
existiert bereits ein fast dreissigjähriger Datensatz, der aus passiven
Mikrowellen-Verfahren abgeleitet wurde. Diese Daten gehen zusätzlich
in die Bestimmung der Meereisdrift ein. In Hinblick auf diese Beobachtungsgrößen
geht es also hauptsächlich darum, bereits existierende Methoden
zu verbessern und die Datensätze zu erweitern. Neue Verfahren
sind erforderlich zur Bestimmung der Meereisdicke, der Oberflächeneigenschaften,
des Deformationszustandes und der Schneeauflage. Diese Daten sollen
Eingang finden in Meereisvorhersagemodelle und regionale und globale
Klimamodelle. Im Einzelnen sollen folgende Untersuchungen durchgeführt
werden:
- Bestimmung der regionalen und zeitlichen Variabilität der
Eisdicke und der Schneeauflage (Boden- und Hubschraubermessungen
zur Validation von Satellitendaten, z.B. CryoSat)
- Bestimmung der räumlichen und zeitlichen Muster der Oberflächenstruktur
und des Anteils des deformierten Eises (Radardaten verschiedener
Satelliten)
- Ermittlung der räumlichen und zeitlichen Verteilung des Schmelzbeginns
in Arktis und Antarktis
- Abschätzung des Anteils des dünnen Eises, der für
den Wärmeaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre besonders
wichtig ist
- Bestimmung der Existenz und Ausdehnung von Festeis und Küstenpolynjen
und ihres Einflusses auf Primärproduktion, Sedimentation
und Küstenerosion,
- Auswertung historischer Satellitendaten bezüglich mehrjähriger
bis dekadischer Variationen der Meereiseigenschaften (insbesondere
Wave-Mode-Daten von ERS 1/2, Radaraltimeterdaten u.a.)
Inlandeis
Die Radaraltimetrie ist derzeit die wichtigste Methode zur flächendeckenden
Bilanzierung von Eismassen in Grönland und in weiten Bereichen
der Antarktis (bis 82°S). Die verfügbaren Zeitreihen der Radaraltimetrie
reichen von SEASAT (1978) über GEOSAT (1985-1989), ERS-1 (1991-1996)
zu ERS-2 (1995-heute). Mit dem 2002 gestarteten Satelliten ENVISAT
werden die Messungen mit einer deutlich verbesserten Genauigkeit
in der Zukunft fortgesetzt. Schwerpunkte der Untersuchungen sind
die Bestimmung der zeitlichen und räumlichen Variationen
- der Oberflächentopographie,
- der Eisbewegung (Massentransport)und damit der Massenbilanz und
- der Oberflächenrauhigkeiten.
Mit dem Start der ICESat-Mission steht erstmalig ein Laseraltimeter
zur Bestimmung der Oberflächenformen über Landeis zur
Verfügung. Mit diesem Messverfahren können nunmehr auch kleinskalige
Oberflächenformen in der Größenordnung von 100 m
erfasst werden. In der Kombination mit konventionellen Radaraltimetern
ergeben sich deutlich verbesserte Möglichkeiten zur Bestimmung
von Eismassenbilanzänderungen der polaren Gebiete. Die geplante
CryoSat-Mission wird der Radaraltimetrie zukünftig wesentlich
breitere Anwendungsfelder erschließen. Mit dem entwickelten
interferometrischen Radaraltimeter wird die Erfassung kleiner Höhenunterschiede
auf kurzen räumlichen Skalen ermöglicht. Damit rückt
erstmalig die Detektion von Eismassenänderungen auch auf kurzen
zeitlichen Skalen in den Bereich des Möglichen. Die Kombination
von in-situ Messungen (ground truth von Schnee- und Eisparametern)
mit den Fernerkundungsdaten der Radaraltimetrie schafft die Voraussetzungen
für eine detaillierte Analyse der Veränderungen.
Die flächendeckende Messung der Eisbewegung von Land- und
Schelfeis erfolgt durch die Überlagerung hochauflösender
Satellitenbilder. Die zur Zeit genaueste Methode ist die interferometrische
Anwendung von abbildenden Radarsystemen (Synthetisches Apertur Radar
- SAR). Die hohe Genauigkeit ermöglicht die Ableitung von horizontalen
und vertikalen Bewegungskomponenten. Besonders Erfolg versprechend
ist die Analyse von Daten der "Eis-Phase" des ERS-1 (1991/92, 1993/94),
sowie der ERS-1/2 Tandem Mission (1995-1999). Zur Zeit wird die
SAR Interferometrie hauptsächlich auf Auslassgletscher der
Eisschilde angewendet.
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In Kombination mit flugzeuggetragenen Eisdickenmessungen und Annahmen
über das vertikale Geschwindigkeitsprofil wird so die Messung
des Massenflusses über die Aufsetzlinie bestimmt. Die genaue Positionsbestimmung
der Aufsetzlinie ist ebenfalls mittels SAR Interferometrie möglich.
Migration der Aufsetzlinie, Abschmelzen und Anfrieren an der Schelfeisunterseite
sowie die Dynamik des Kalbens an der Schelfeiskante sind weitere
wichtige Größen in der Massenbilanz des Eisschildes, zu deren Beobachtung
die SAR Interferometrie wichtige Beiträge leistet.
Neue Sensoren weisen gegenüber dem ERS SAR wesentliche technische
Modifikationen auf. Das ASAR (advanced SAR) des ENVISAT ermöglicht,
ähnlich dem Radarsat, die kontinuierliche Abbildungen von unterschiedlich
großen Aufnahmestreifen mit variierbarer Auflösung und
Polarisation. TerraSAR-X und TerraSAR-L sind für die Erkundung
von Landeis wegen der kurzen Wiederholraten und der flexiblen Aufnahmegeometrie
von besonderem Interesse. Das X-Band SAR ermöglicht eine hochaufgelöste
Kartierung und Signaturstudien, das L-Band SAR verspricht zusätzlich
durch hohe Kohärenz über längere Zeiträume neue Impulse
für die interferometrische Analyse von Schnee und Eis. In naher
Zukunft wird die Palette von abbildenden Radarsystemen bedeutend
erweitert und wesentlich zur Analyse der Schneedecke und der Eisdynamik
und ihrer Änderungen beitragen.
Forschungsziele
Ziel dieser Aktivitäten ist die Bestimmung der Massenbilanz
von Meereis und Landeis und ihrer zeitlichen und räumlichen
Veränderungen. Außerdem sollen neue Meereisparameter
für einen längeren Zeitraum aus Satellitendaten zur Verbesserung
von Vorhersage- und Klimamodellen bereitgestellt werden.
Synergien
Diese Aufgabe lässt sich nur bewerkstelligen durch die Zusammenführung
der Expertise im Bereich der boden-, schiffs- und flugzeuggestützten
Messungen (AWI), der Satellitenradardaten (DLR) und der Altimetermessungen
(GFZ).
Aufgaben des AWI
Im Bereich des Meereises verknüpft das AWI verschiedenen Satellitendaten
mit Boden-, Hubschrauber- und Flugzeugmessungen zum Zwecke der Validierung.
Ferner werden 7 Satellitendaten bezüglich Klimainformationen untersucht
und mit Modellen verglichen. Im Bereich der Eisschilde bestimmt
das AWI die Oberflächentopographie und die Bewegung des Eises (Massentransport)
in ausgewählten Gebieten, wobei Boden- und Flugzeugmessungen zur
Validierung eine wichtige Rolle spielen.
Aufgaben des DLR
DLR konzentriert sich auf Aufbereitung und Analyse von Radardaten
verschiedener Satelliten bezüglich Oberflächenstruktur und anderer
Meereiseigenschaften. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Aufbereitung
und Auswertung historischer Satellitendaten, insbesondere von Langzeitserien
von Radardaten.
Aufgaben des GFZ
Das GFZ arbeitet vertiefend an der Wellenformanalyse von Radaraltimeterdaten
über Meereis- und Landeisgebieten und der Kombination von Radaraltimetrie
mit Laseraltimetrie zur Ableitung von Höhenänderungen der Eisschilde
in ausgewählten Untersuchungsgebieten. Gleichzeitig werden Algorithmen
zur Analyse der SIRAL-Daten der geplanten CryoSat-Mission entwickelt.
Aus von Satelliten gemessenen Schweresignalen sollen auf globaler
Skala Massenverteilungen zwischen Eis und Wasser quantifiziert werden.
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